Erziehungsstile mit Fallbeispielen

Kurzantwort

Die Forschung unterscheidet vor allem vier Erziehungsstile: autoritativ, autoritär, permissiv (nachgiebig) und vernachlässigend. Sie ergeben sich daraus, wie viel Wärme Eltern zeigen und wie viel sie lenken und fordern; daneben sind Begriffe wie antiautoritär, demokratisch, egalitär, laissez-faire und bindungsorientiert verbreitet.

Ein Erziehungsstil beschreibt, wie sich Eltern ihrem Kind gegenüber im Alltag meistens verhalten. Kaum eine Familie erzieht in Reinform: Die Erziehungsstile sind Modelle, mit denen die Forschung Unterschiede beschreibt. Direkt zu den Fallbeispielen:

Die vier Erziehungsstile der Forschung

Die US-Psychologin Diana Baumrind beschrieb 1966 und 1971 drei Erziehungsstile: autoritativ, autoritär und permissiv. Eleanor Maccoby und John Martin ordneten sie 1983 nach zwei Merkmalen: wie viel Wärme und Zuwendung Eltern zeigen und wie viel sie lenken und fordern. Aus dieser Einteilung ergibt sich ein vierter Stil, der vernachlässigende. Dieses Modell mit vier Erziehungsstilen hat sich in der Forschung durchgesetzt.

viel Lenkung und Forderungwenig Lenkung und Forderung
viel Wärme und Zuwendungautoritativpermissiv (nachgiebig)
wenig Wärme und Zuwendungautoritärvernachlässigend
Die vier Erziehungsstile nach Maccoby und Martin, aufbauend auf Baumrind.

Alle Erziehungsstile im Überblick

StilMerkmalHerkunftEinordnung
Autoritativzugewandt, erklärt Regeln, hört zu und besteht auf AbsprachenBaumrindKernmodell
Autoritärstrenge Regeln ohne Erklärung, Gehorsam steht im Vordergrund, wenig MitspracheBaumrindKernmodell
Permissiv (nachgiebig)viel Wärme, wenig Regeln und ForderungenBaumrindKernmodell
Vernachlässigendwenig Zuwendung und wenig LenkungMaccoby und MartinKernmodell
Autokratischstarke Einflussnahme, die Eltern bestimmen alleinLewin, Lippitt und White (1939); Tausch und Tauschaus der Forschung zu Führungsstilen, entspricht dem autoritären Stil
DemokratischEntscheidungen werden gemeinsam ausgehandelt, die Eltern bringen sich ein, ohne zu bestimmenLewin, Lippitt und White (1939)aus der Forschung zu Führungsstilen
Laissez-fairedie Eltern halten sich heraus und geben nur auf Nachfrage AuskunftLewin, Lippitt und White (1939)aus der Forschung zu Führungsstilen
AntiautoritärErziehung möglichst ohne Zwang und Strafen, das Kind soll sich frei entfaltenSchlagwort der Achtundsechziger-Bewegung, A. S. Neill (Summerhill)historischer Begriff
EgalitärEltern und Kind entscheiden gleichberechtigtkeine gesicherte HerkunftAlltagsbegriff
Negierenddie Eltern verzichten ganz auf Erziehungkeine gesicherte HerkunftAlltagsbegriff, entspricht dem vernachlässigenden Stil
Bindungsorientiert (Attachment Parenting)viel Nähe, Tragen, schnelle Reaktion auf das Weinen des BabysWilliam und Martha SearsErziehungskonzept, kein Stil der Forschung

In Baumrinds Studien mit Kindern im Vorschulalter zeigten Kinder autoritativ erziehender Eltern besonders viel Selbstvertrauen und Selbstkontrolle. Diese Befunde stammen vor allem aus westeuropäischen und amerikanischen Mittelschichtfamilien und lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Kulturen übertragen.

Fallbeispiele: elf Erziehungsstile in einer Situation

Die folgenden Fallbeispiele sind ausgedacht. Sie zeigen jedes Mal dieselbe Szene: Es ist Schlafenszeit, und die fünfjährige Mia will noch weiterspielen.

Autoritativ

Die Mutter sagt: „Du bist mitten im Spiel, das sehe ich. Bau den Turm fertig, dann ist Schlafenszeit, weil du morgen früh in die Kita gehst.“ Mia murrt, nach dem Turm geht sie ins Bett, und die Mutter liest wie versprochen eine Geschichte vor.

Autoritär

Der Vater sagt: „Schluss jetzt, ab ins Bett. Keine Diskussion.“ Warum, erklärt er nicht. Widerspricht Mia, darf sie morgen nicht mit ihrem Lieblingsspielzeug spielen. Auch wer autoritär erzieht, darf sein Kind weder schlagen noch demütigen: Kinder haben ein Recht auf Erziehung ohne Gewalt (mehr zur Erziehung).

Permissiv (nachgiebig)

Die Mutter fragt: „Möchtest du schon schlafen?“ Mia sagt Nein, und die Mutter lässt sie weiterspielen, bis sie von selbst müde wird, auch wenn es spät wird.

Vernachlässigend

Niemand achtet auf die Uhr. Die Eltern sind mit sich beschäftigt, Mia spielt allein weiter, bis sie irgendwann auf dem Sofa einschläft.

Autokratisch

Der Vater schaltet das Licht im Kinderzimmer aus und schickt Mia ohne ein Wort ins Bett. Wann geschlafen wird, legt er allein fest, Fragen sind nicht vorgesehen.

Demokratisch

Die Eltern haben die Schlafenszeit mit Mia besprochen und erinnern sie daran. Mia schlägt vor, noch das Puzzle zu Ende zu machen; die Eltern überlegen mit ihr, ob das noch passt, und einigen sich auf fünf Minuten.

Laissez-faire

Der Vater schaut kurz herein: „Mach, wie du meinst.“ Ob und wann Mia ins Bett geht, überlässt er ihr. Fragt sie, wie spät es ist, sagt er es ihr.

Antiautoritär

Die Eltern wollen Mia nicht zwingen. Sie sagen ihr, dass sie morgen müde sein könnte, und lassen sie selbst entscheiden, damit sie die Folgen am nächsten Tag selbst erlebt.

Egalitär

Mutter und Mia handeln die Schlafenszeit wie Gleichberechtigte aus. Mias Wunsch zählt genauso viel wie der der Mutter, das Gespräch dauert, bis beide einverstanden sind.

Negierend

Die Eltern fühlen sich für die Schlafenszeit nicht zuständig. Es gibt keine Regel, und niemand fragt, ob Mia schon schläft.

Bindungsorientiert

Die Mutter setzt sich zu Mia, spielt noch kurz mit und begleitet sie dann ins Bett. Sie bleibt bei ihr, bis Mia eingeschlafen ist.

Bindungsorientierte Erziehung (Attachment Parenting)

Den Begriff Attachment Parenting prägten der US-Kinderarzt William Sears und Martha Sears. Sie fassen ihr Konzept für die Babyzeit in sieben Punkten zusammen, den „7 Baby-Bs“:

  1. Bindung gleich nach der Geburt (Birth bonding)
  2. Stillen (Breastfeeding)
  3. viel Tragen (Baby wearing)
  4. nah beim Baby schlafen (Bedding close to baby)
  5. das Weinen als Sprache des Babys verstehen (Belief in the language value of your baby’s cry)
  6. Vorsicht vor starren Schlaf- und Erziehungsprogrammen (Beware of baby trainers)
  7. Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen von Kind und Eltern (Balance)

Beim Schlafen weicht die amtliche Empfehlung ab: Sears hält auch das gemeinsame Schlafen im Elternbett für eine Möglichkeit. Zur Vorbeugung des plötzlichen Kindstods empfiehlt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) dagegen, das Baby im ersten Lebensjahr im eigenen Bett im Schlafzimmer der Eltern schlafen zu lassen. Mehr dazu unter Sicherer Babyschlaf; zum Tragen siehe Baby tragen und halten. Was die Bindungsforschung unter Bindung versteht, steht unter Bindungstypen.

Was Kindern unabhängig vom Erziehungsstil guttut

Welcher Erziehungsstil der richtige ist, legt keine Behörde fest. Das BIÖG nennt drei Grundpfeiler einer kindgerechten Erziehung: dass sich das Kind angenommen fühlt, klare Regeln und Strukturen, die Halt geben, und verständliche Grenzen, die Sicherheit und Orientierung geben. Eltern sollen Extreme meiden, etwa ständiges Lob oder ständige Bestrafung, völlige Freiheit oder vollständige Kontrolle. Für jeden Stil gilt: Gewalt, körperliche Strafen und seelische Verletzungen sind verboten (§ 1631 Abs. 2 BGB).

Häufige Fragen

Welche vier Erziehungsstile gibt es?

Autoritativ, autoritär, permissiv (nachgiebig) und vernachlässigend. Das Modell geht auf Diana Baumrind sowie Eleanor Maccoby und John Martin zurück.

Was ist der Unterschied zwischen autoritär und autoritativ?

Beide Erziehungsstile setzen Regeln. Autoritäre Eltern verlangen Gehorsam ohne Erklärung und zeigen wenig Wärme, autoritative Eltern erklären ihre Regeln, hören zu und sind ihrem Kind zugewandt.

Was ist der Laissez-faire-Erziehungsstil?

Die Eltern halten sich aus der Erziehung weitgehend heraus und überlassen dem Kind die Entscheidungen. Der Begriff stammt aus Experimenten von Kurt Lewin und Kollegen zu Führungsstilen in Gruppen.

Mehr zur Erziehung

Wann du dich beraten lassen solltest

  • Fragen zur Erziehung oder Streit in der Familie: eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle, meist beim Jugendamt oder bei einem freien Träger, oder das Elterntelefon der Nummer gegen Kummer (0800 111 0 550, kostenlos).
  • Sorgen um die Entwicklung deines Kindes: die Kinder- und Jugendarztpraxis.

Quellen

  1. BehördeKinder gut erziehen · Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · Stand 12.6.2026
  2. BehördeWirksame Vorbeugung ist möglich – Empfehlungen · Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · Stand 14.9.2024
  3. BehördeErziehung und 68 · Bundeszentrale für politische Bildung · Stand 30.5.2008
  4. FachgesellschaftErziehungsstil · Abschnitte 2 bis 4 · socialnet Lexikon (Prof. Dr. Miriam Morgan) · Stand 14.11.2022
  5. FachgesellschaftAttachment Parenting Babies · Ask Dr Sears (Selbstangabe) · Stand 25.2.2024
  6. GesetzBürgerliches Gesetzbuch: Inhalt und Grenzen der Personensorge · § 1631 Abs. 2 BGB · Bundesministerium der Justiz · abgerufen 1.10.2026

Aktualisiert am 5.10.2026 · Geprüft am 2.10.2026 · Elternweiser

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