Bindungstypen

Kurzantwort

Die Bindungsforschung unterscheidet vier Bindungstypen: sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent und desorganisiert. Mary Ainsworth beschrieb die ersten drei mit dem Test „Fremde Situation“, Mary Main und Judith Solomon ergänzten den desorganisierten Typ.

Was Bindung ist

Bindung nennt die Psychologie die enge gefühlsmäßige Beziehung eines Kindes zu den Menschen, die es versorgen. Der britische Kinderpsychiater John Bowlby entwickelte dazu die Bindungstheorie (Hauptwerk 1969). Weinen, Rufen, Anklammern, Nachfolgen oder Nähesuchen gehören zum typischen Bindungsverhalten: Fühlt sich ein Kind unsicher, sucht es die Nähe seiner Bezugsperson; fühlt es sich sicher, erkundet es seine Umgebung.

Bindungspersonen sind meist Mutter und Vater. Auch Großeltern oder Tageseltern können zu wichtigen Bezugspersonen werden, bei denen ein Kind Schutz und Geborgenheit sucht. Ein Kind kann zu verschiedenen Personen eine Bindung aufbauen, und der Bindungstyp kann je nach Person verschieden sein.

Die vier Bindungstypen

Mary Ainsworth beobachtete einjährige Kinder in einem festgelegten Ablauf, der „Fremden Situation“: Das Kind spielt mit der Mutter in einem fremden Raum, die Mutter geht kurz hinaus und kommt zurück. Wie das Kind auf die Trennung und auf die Rückkehr reagiert, zeigt seinen Bindungstyp.

BindungstypBei der TrennungBei der Rückkehr der BezugspersonBeschrieben von
B: sicherzeigt Bindungsverhalten, etwa Weinen oder Rufensucht Nähe und Kontakt, nutzt die Bezugsperson als „sichere Basis“ und erkundet danach wieder die UmgebungAinsworth
A: unsicher-vermeidendscheint wenig zu leiden und spielt weitersucht kaum Nähe, vermeidet Körper- und BlickkontaktAinsworth
C: unsicher-ambivalentleidet sehr starksucht engen Kontakt und zeigt zugleich Wut, streckt etwa die Arme aus und stößt sich dann weg; kann sich schwer lösenAinsworth
D: desorganisiertkein einheitliches Musterwirkt kurz wie erstarrt, bricht Verhalten ab oder zeigt Widersprüchliches, läuft etwa auf die Bezugsperson zu und bleibt plötzlich stehenMain und Solomon
Nach dem Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP). Die Buchstaben sind die Kürzel der Forschung.

Ainsworth fand einen Zusammenhang mit dem Verhalten der Mütter: Mütter sicher gebundener Kinder gingen einfühlsam auf das Bedürfnis nach Nähe ein und unterstützten das Kind zugleich beim Erkunden. Mütter vermeidend gebundener Kinder wiesen den Wunsch nach Nähe häufig ab, Mütter ambivalent gebundener Kinder reagierten mal feinfühlig, mal abweisend. Beim desorganisierten Bindungstyp wird vermutet, dass die Bezugsperson dem Kind Angst macht oder selbst ängstlich reagiert; er kommt in Familien mit vielen Belastungen häufiger vor.

In deutschen Studien wurden etwa 45 Prozent der Kinder als sicher, 28 Prozent als vermeidend, 7 Prozent als ambivalent und 20 Prozent als desorganisiert eingestuft. Die Zahlen stammen aus einer älteren Übersicht von Gloger-Tippelt, Vetter und Rauh; neuere Zahlen einer amtlichen Stelle gibt es nicht.

Was eine sichere Bindung fördert

Wie sicher sich ein Kind in der Bindung fühlt, hängt vor allem von seinen Erfahrungen ab: Je öfter es erlebt, dass es sich auf Nähe und Fürsorge verlassen kann, umso sicherer fühlt es sich. Das BIÖG rät, aufmerksam zu sein, ein schreiendes Baby geduldig zu trösten, sich danach zu richten, wann und wie viel Kontakt das Kind möchte, und es beim Entdecken zu ermutigen, ohne es zu drängen. Wie Kinder den Übergang in die Kita mit einer vertrauten Person schaffen, steht unter Kita-Eingewöhnung.

Bindungstyp oder Bindungsstörung?

Ein Bindungstyp beschreibt ein Verhaltensmuster und ist keine Diagnose. Die ärztliche Klassifikation ICD-10-GM nimmt „Normvariationen im Muster der selektiven Bindung“ ausdrücklich von den Bindungsstörungen aus. Bindungsstörungen sind dagegen Diagnosen: Die reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (F94.1) tritt in den ersten fünf Lebensjahren auf, wahrscheinlich als direkte Folge schwerer elterlicher Vernachlässigung, Missbrauch oder schwerer Misshandlung. Bei der Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (F94.2) zeigen Kinder zum Beispiel wahllos freundliches, nicht auf bestimmte Personen gerichtetes Bindungsverhalten. Ob eine Störung vorliegt, klärt eine Fachärztin oder ein Facharzt.

Häufige Fragen

Welche Bindungstypen gibt es?

Sicher, unsicher-vermeidend, unsicher-ambivalent und desorganisiert.

Kann ein Kind auch zum Vater oder zu den Großeltern eine Bindung haben?

Ja. Neben Mutter und Vater können auch Großeltern oder Tageseltern wichtige Bezugspersonen werden, und der Bindungstyp kann je nach Person verschieden sein.

Ist ein unsicherer Bindungstyp eine Störung?

Nein. Der Bindungstyp beschreibt ein Verhaltensmuster. Eine Bindungsstörung ist eine ärztliche Diagnose, die meist nach schwerer Vernachlässigung oder Misshandlung gestellt wird.

Mehr zur Erziehung

Wann du dich beraten lassen solltest

  • Unsicherheit in der Beziehung zu deinem Kind oder Erziehungsfragen: eine Erziehungs- und Familienberatungsstelle, meist beim Jugendamt oder bei einem freien Träger.
  • Verdacht auf eine Bindungs- oder Entwicklungsstörung: die Kinder- und Jugendarztpraxis, die bei Bedarf an die Kinder- und Jugendpsychiatrie überweist.

Quellen

  1. BehördeBindung: Streben nach Sicherheit und Geborgenheit · Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · Stand 17.5.2026
  2. BehördeBindung im Kindesalter · Staatsinstitut für Frühpädagogik und Medienkompetenz (IFP), Familienhandbuch · Stand 2.3.2011
  3. BehördeICD-10-GM, Kapitel V, F90–F98 · F94.1, F94.2 · Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) · abgerufen 1.10.2026

Aktualisiert am 5.10.2026 · Geprüft am 1.10.2026 · Elternweiser

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