Kurzantwort
Sigmund Freud beschrieb fünf psychosexuelle Phasen: die orale Phase (etwa im ersten Lebensjahr), die anale Phase (etwa im zweiten und dritten), die phallische oder ödipale Phase (etwa vom dritten bis fünften Lebensjahr), die Latenzphase (bis zur Pubertät) und die genitale Phase (ab der Pubertät). Die Einteilung ist historisch bedeutsam; Fachstellen wie das BIÖG beschreiben die kindliche Sexualentwicklung heute ohne sie.
Die fünf psychosexuellen Phasen im Überblick
| Phase | Alter (etwa) | Was Freud annahm |
|---|---|---|
| Orale Phase | erstes Lebensjahr | Lust über den Mund, beim Saugen und Essen; Sexualität und Nahrungsaufnahme sind noch nicht getrennt |
| Anale Phase | zweites und drittes Lebensjahr | „sadistisch-anale Organisation“: Lust am Zurückhalten und Ausscheiden, erste Gegensätze wie aktiv und passiv |
| Phallische (ödipale) Phase | drittes bis fünftes Lebensjahr | Interesse am eigenen Geschlechtsteil, nach Freud ein „Primat des Phallus“; Ödipuskomplex |
| Latenzphase | bis zur Pubertät | sexuelle Regungen treten zurück, es entstehen Scham, Ekel und moralische Vorstellungen |
| Genitale Phase | ab der Pubertät | die Sexualität richtet sich auf andere Menschen und auf die Fortpflanzung |
Wie Freuds Phasenlehre entstand
Freud veröffentlichte 1905 die „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“. Darin beschrieb er schon die Latenzzeit und die Veränderungen der Pubertät. Die orale und die anale Phase fügte er in späteren Auflagen hinzu, die phallische Phase führte er 1923 in dem Aufsatz „Die infantile Genitalorganisation“ ein. Das Phasenmodell ist also über fast zwei Jahrzehnte gewachsen.
Ödipuskomplex und Elektrakomplex
In der phallischen Phase erlebt das Kind nach Freud gleichzeitig Liebe zu einem Elternteil und Rivalität gegenüber dem anderen; er nannte das nach der griechischen Sage den Ödipuskomplex. Für Mädchen schlug Carl Gustav Jung 1913 den Begriff Elektrakomplex vor. Freud lehnte ihn 1931 ausdrücklich ab, weil seine Aussagen zum Ödipuskomplex „in voller Strenge nur für das männliche Kind passen“.
Kritik an Freuds Phasenlehre
Widerspruch kam früh aus der Psychoanalyse selbst. Karen Horney bestritt 1923 nicht, dass Freud bei Mädchen einen Penisneid beobachtet hatte, stellte aber dessen Herkunft und Bedeutung für das Leben der Frau infrage. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich wies später darauf hin, dass sich Freuds Entwicklungstheorie vor allem an der Entwicklung von Jungen und Männern orientierte. Harald Schultz-Hencke hielt den Ödipuskomplex für die Entstehung seelischer Erkrankungen für weniger bedeutsam als Freud und sah die frühe, vorgenitale Entwicklung als eigenständig an.
Wie Fachstellen die Sexualentwicklung heute beschreiben
Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) beschreibt die kindliche Sexualentwicklung als Neugier am eigenen Körper, ohne Freuds Phasen:
| Alter (etwa) | Entwicklung nach dem BIÖG |
|---|---|
| 2 Jahre | erforscht die eigenen Geschlechtsteile, begreift allmählich, ob es ein Mädchen oder ein Junge ist |
| 2 bis 3 Jahre | fragt nach Unterschieden zwischen Mann und Frau, lernt Begriffe für die Geschlechtsorgane |
| 3 Jahre | die Geschlechterrolle verfestigt sich, das Interesse am eigenen Körper und dem anderer wächst |
| 3 bis 4 Jahre | fragt, wie Babys entstehen; bei „Doktorspielen“ erkunden Kinder den eigenen Körper und den anderer |
Das BIÖG rät, Fragen ernst zu nehmen und altersgemäß zu beantworten, den Geschlechtsteilen neutrale Namen zu geben und das Kind zu unterstützen, wenn es Berührungen ablehnt: Es soll wissen, dass sein Körper ihm gehört.
Häufige Fragen
Welche Phasen beschreibt Freud?
Fünf: die orale, die anale, die phallische oder ödipale Phase, die Latenzphase und die genitale Phase.
Was passiert nach Freud in der Latenzphase?
Die sexuellen Regungen treten bis zur Pubertät zurück. In dieser Zeit entstehen nach Freud Scham, Ekel und moralische Vorstellungen.
Von wem stammt der Begriff Elektrakomplex?
Von Carl Gustav Jung. Freud selbst lehnte den Begriff ab.
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Wann du dich beraten lassen solltest
- Fragen zur körperlichen und sexuellen Entwicklung deines Kindes: die Kinder- und Jugendarztpraxis oder eine Erziehungsberatungsstelle.
- Verdacht, dass ein Kind sexuelle Gewalt erlebt: das Jugendamt, bei akuter Gefahr die Polizei unter 110.
Quellen
- BehördeSexualentwicklung: Mädchen sein, Junge sein · Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) · Stand 27.8.2026
- FachgesellschaftSigmund Freud: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie (Volltext) · Kapitel „Phasen der Entwicklung der Sexualorganisation“ · Projekt Gutenberg · abgerufen 1.10.2026
- FachgesellschaftSigmund Freud: Über die weibliche Sexualität (Volltext) · textlog.de · abgerufen 1.10.2026
- FachgesellschaftKaren Horney – Freuds erste Rebellin · Margarete Mitscherlich (zuerst in EMMA) · abgerufen 1.10.2026
- FachgesellschaftHarald Schultz-Hencke: Lebenslauf und Werk · Harald-Schultz-Hencke-Gesellschaft · abgerufen 1.10.2026