Kurzantwort
Klassische Weihnachtsgedichte zum Vortragen an Heiligabend sind etwa „Knecht Ruprecht“ von Theodor Storm, „Weihnachten“ von Joseph von Eichendorff, „Advent“ von Rainer Maria Rilke und „Weihnacht“ von Gustav Falke. Ihre Autoren sind vor mehr als 70 Jahren gestorben, deshalb dürfen die Texte frei verwendet werden.
Viele Kinder sagen vor der Bescherung ein Gedicht auf. Diese Weihnachtsgedichte stehen hier im Wortlaut der ältesten verfügbaren Ausgabe, mit der Schreibweise ihrer Zeit.
Theodor Storm: Knecht Ruprecht
Von drauß’ vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelsthor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor,
Und wie ich so strolcht’ durch den finstern Tann,
Da rief’s mich mit heller Stimme an:
„Knecht Ruprecht“, rief es, „alter Gesell,
„Hebe die Beine und spute dich schnell!
„Die Kerzen fangen zu brennen an,
„Das Himmelsthor ist aufgethan,
„Alt’ und Junge sollen nun
„Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
„Und morgen flieg’ ich hinab zur Erden,
„Denn es soll wieder Weihnachten werden!“
Ich sprach: „O lieber Herre Christ,
„Meine Reise fast zu Ende ist;
„Ich soll nur noch in diese Stadt,
„Wo’s eitel gute Kinder hat.“
– „Hast denn das Säcklein auch bei dir?“
Ich sprach: „Das Säcklein das ist hier:
„Denn Aepfel, Nuß und Mandelkern
„Fressen fromme Kinder gern.“
– „Hast denn die Ruthe auch bei dir?“
Ich sprach: „Die Ruthe, die ist hier:
„Doch für die Kinder nur, die schlechten,
„Die trifft sie auf den Theil den rechten.“
Christkindlein sprach: „So ist es recht;
„So geh mit Gott, mein treuer Knecht!“
Von drauß’ vom Walde komm ich her;
Ich muß euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich’s hierinnen find’!
Sind’s gute Kind’, sind’s böse Kind’?
Joseph von Eichendorff: Weihnachten
Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh’ ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus in’s freie Feld,
Hehres Glänzen, heil’ges Schauern!
Wie so weit und still die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schneees Einsamkeit
Steigt’s wie wunderbares Singen –
O du gnadenreiche Zeit!
Rainer Maria Rilke: Advent
Es treibt der Wind im Winterwalde
Die Flockenheerde wie ein Hirt,
Und manche Tanne ahnt, wie balde
Sie fromm und lichterheilig wird;
Und lauscht hinaus. Den weissen Wegen
Streckt sie die Zweige hin – bereit,
Und wehrt dem Wind und wächst entgegen
Der einen Nacht der Herrlichkeit.
Gustav Falke: Weihnacht
Zeit der Weihnacht, immer wieder
rührst du an mein altes Herz,
führst es fromm zurück
in sein früh’stes Glück,
kinderheimatwärts.
Sterne leuchten über Städte,
über Dörfer rings im Land.
Heilig still und weiß
liegt die Welt im Kreis
unter Gottes Hand.
Kinder singen vor den Türen:
„Stille Nacht, heilige Nacht!“
Durch die Scheiben bricht
hell ein Strom von Licht,
aller Glanz erwacht.
Und von Turm zu Turm ein Grüßen,
und von Herz zu Herz ein Sinn,
und die Liebe hält
aller Welt
ihre beiden Hände hin.
Johann Wolfgang von Goethe: Weihnachten
Bäume leuchtend, Bäume blendend,
Ueberall das Süße spendend,
In dem Glanze sich bewegend,
Alt und junges Herz erregend –
Solch ein Fest ist uns bescheret,
Mancher Gaben Schmuck verehret;
Staunend schaun wir auf und nieder,
Hin und her und immer wieder.
Aber, Fürst, wenn Dir’s begegnet
Und ein Abend so Dich segnet,
Daß als Lichter, daß als Flammen
Vor Dir glänzten allzusammen
Alles was Du ausgerichtet,
Alle die sich Dir verpflichtet:
Mit erhöhten Geistesblicken
Fühltest herrliches Entzücken.
Goethe schrieb das Gedicht als Glückwunsch, die zweite Strophe richtet sich an einen Fürsten. Zum Vortragen in der Familie reicht die erste Strophe.
Welches Weihnachtsgedicht für welches Alter?
Für kleinere Kinder passen kurze Weihnachtsgedichte: Rilkes „Advent“ hat zwei Strophen mit je vier Zeilen, Eichendorffs „Weihnachten“ vier kurze Strophen. Storms „Knecht Ruprecht“ ist länger und eignet sich für ältere Kinder oder zum Vortragen mit verteilten Rollen, weil Knecht Ruprecht und das Christkind miteinander sprechen. Viele kennen davon vor allem den Anfang „Von drauß’ vom Walde komm ich her“.
Dürfen die Gedichte frei verwendet werden?
Das Urheberrecht erlischt 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers; die Frist beginnt mit dem Ende des Jahres, in dem er gestorben ist (§ 64 und § 69 Urheberrechtsgesetz). Storm, Eichendorff, Goethe, Falke und Rilke sind alle vor mehr als 70 Jahren gestorben. Ihre Gedichte darfst du vortragen, abschreiben, auf eine Karte schreiben oder veröffentlichen. Bei neueren Weihnachtsgedichten ist das oft anders, dort brauchst du für eine Veröffentlichung die Erlaubnis der Rechteinhaber.
Häufige Fragen
Von wem ist „Von drauß’ vom Walde komm ich her“?
Von Theodor Storm. So beginnt sein Gedicht „Knecht Ruprecht“.
Welches Weihnachtsgedicht ist kurz?
Rilkes „Advent“ mit zwei Strophen zu je vier Zeilen. Auch Eichendorffs „Weihnachten“ ist mit vier kurzen Strophen gut zu lernen.
Dürfen klassische Weihnachtsgedichte frei verwendet werden?
Ja, wenn der Autor vor mehr als 70 Jahren gestorben ist. Das gilt für alle Gedichte auf dieser Seite.
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Quellen
- FachgesellschaftTheodor Storm: Knecht Ruprecht · Wikisource, nach Storm, Gedichte, 8. Auflage · abgerufen 1.10.2026
- FachgesellschaftJoseph von Eichendorff: Weihnachten · Wikisource, nach Eichendorff, Sämmtliche Werke, Band 1 · abgerufen 1.10.2026
- FachgesellschaftRainer Maria Rilke: Advent · Wikisource, nach Rilke, Advent, Leipzig · abgerufen 1.10.2026
- FachgesellschaftGustav Falke: Das Leben lebt. Letzte Gedichte · S. 99 · Internet Archive, Digitalisat der University of Toronto · abgerufen 1.10.2026
- FachgesellschaftJohann Wolfgang von Goethe: Weihnachten · Wikisource, nach Goethe, Ausgabe letzter Hand, Band 4 · abgerufen 1.10.2026
- GesetzUrheberrechtsgesetz: Allgemeines (Schutzdauer) · § 64 UrhG · Bundesministerium der Justiz · abgerufen 2.10.2026
- GesetzUrheberrechtsgesetz: Berechnung der Fristen · § 69 UrhG · Bundesministerium der Justiz · abgerufen 2.10.2026